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Ungarn - Juli, August 2008

Tierärztin Ines Leeuw berichtet vom Einsatz in Ungarn

Die kritischen Reaktionen auf den Bericht von Thomas Busch über den letzten Tierärztepooleinsatz in Rumänien blieben aus. Er hatte dort ein bisschen scharf Tierheimbetriebe kritisiert, deren Konzept mehr im Bereich des “Tiersammelns“ liegt, als auf der Basis einer guten Betreuung. Zu einer guten Betreuung gehört an erster Stelle die medizinische Versorgung, gefolgt von einer anständigen Fütterung und zu guter Letzt die Unterbringung.

Zig Berichte befinden sich im Umlauf, in denen die Schreiber auf die entsetzlichen Zustände hinweisen, unter denen die Tiere im Ausland, speziell Hunde und Katzen, zu leiden haben. Dies ist mit Sicherheit richtig, lenkt aber oft von der eigentlichen Arbeit ab und zielt eher in Richtung Mitleid - Spenden. Denn das Schicksal eines armen Hundes lässt sich oft besser darstellen, als eine seriöse Tierschutzarbeit. Eine Mischung aus beidem ist, so denke ich, der richtige Weg, denn die Leser unserer Berichte haben ein Recht zu erfahren, wie der Tierärztepool seine Idee der präventiven Verhinderung von Tierelend verwirklicht. Und schon sind wir am Kern dieses Berichtes, der nämlich mit einer Verniedlichung nicht viel zu tun hat, sondern eine absolut souveräne Arbeit in zwei Tierheimen in Ungarn beschreibt.


Welches Bild wirk mitleidiger?

So begleiten Sie uns zu einer Kastrationsaktion, um die der ETN den Tierärztepool um Hilfe gebeten hatte.

Auch wenn wir bereits schon an viele Kollegen unsere chirurgische Erfahrung weitergeben konnten, so sind wir immer wieder glücklich, in andere Länder zu Schulungszwecken gerufen zu werden.

Die Vorgabe, mit der wir in den Flieger stiegen hieß: zwei Tierheime in Ungarn haben einmal 60 und einmal 40 Hunde zu kastrieren. Des Weiteren möchte der Tierarzt des einen Tierheimes unsere Technik erlernen und gleichzeitig haben sich noch sechs andere Kollegen angemeldet. Das andere Tierheim wird von einer Klinik betreut, die uns ebenfalls eingeladen hat. Dorthin kommen 10 Tierärzte aus den Nachbarstädten. Erinnerungen an Portugal werden wach, wo wir 22 Amtstierärzte schulten und wir sind gespannt auf die Deutsch-Ungarische-Zusammenarbeit.

Um das Langweilige vorwegzunehmen: wir schafften in 8 Tagen 192 Kastrationen. Das ist für uns zwar kein neuer Rekord, allerdings darf nicht vergessen werden, dass die Schulungen sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Ich benötigte für die Kastration eines Weibchens zirka fünfzehn Minuten, während eine Schulung eines unerfahrenen Kollegen leicht einmal zwei Stunden dauern kann. Mit Verlaub, bis heute habe ich zirka 20.000 Tiere kastriert, da liegt oftmals ein bisschen mehr Erfahrung in der Waagschale.

Das erste Tierheim, ca. 80 km von Budapest entfernt, in der für mich unaussprechlichen Stadt „Szekesfehervar“, bietet in vier aneinander gereihten Containern einen gut ausgestatteten Operationsraum.

Wolfgang Stephanow (mit Klimaanlage)

Wolfgang Stephanow, der für die Organisation verantwortlich ist, hat sogar eine Klimaanlage besorgt, die in gewissem Abstand Kühle zu uns herüberweht. Unsere ersten Schritte werden, was wir bereits gewohnt sind, mit Argusaugen beäugt, um zu taxieren, was für komische Vögel sich an den Organen der geliebten Tierheimbewohner vergehen. Nach 15 Minuten ist alles eingerichtet, der Tisch erhöht, die OP-Lampe repariert und der erste Patient auf dem Tisch.

Ab jetzt ändert sich in den nächsten 8 Tagen fast nichts mehr. Jeder Tag ist gleich und gefüllt mit vielen Operationen. 12 Stunden und mehr arbeiten wir täglich. Bis auf die Tatsache und den eigentlichen Grund unserer Arbeit, dass wir eben die Tierärzte vor Ort von einem kleinen Schnitt überzeugen und ihnen die Chance bieten wollen, in Zukunft alleine, d.h. ohne Assistenz operieren zu können. Auch in diesem Ort hält sich noch der Schwachsinn aufrecht: „großer Chirurg – größer Schnitt“!  

Die Kollegen treffen zu unterschiedlichen Zeiten ein, so dass jeder die Möglichkeit erhält, unter meiner strengen Aufsicht, die von mir gezeigte Methode selber zu üben. Meine Geduld wird wieder einmal auf eine harte Probe gestellt, denn mit der Sterilität setzen wir anscheinend immer wieder neue Maßstäbe. Und außerdem dauern die Kastrationen wesentlich länger, wenn ungeübte Hände in der Bauchhöhle die Gebärmutter suchen. Aber diese Art von Tierschutz, das wissen natürlich auch wir, zahlt sich in den nachfolgenden Operationen unserer Kollegen wie ein Schneeballeffekt mehr als zigfach zurück.

Ich machs vor...


die Kollegen nach!

Auch die Kollegin Monika Leitner, die der ETN uns zu Fortbildungszwecken mitschickte ist mehr als erstaunt über unsere Geschwindigkeit, hat sie doch selbst gerade bei einer zuvor stattgefundenen Aktion gesehen, das es auch „anders“ gehen kann.

Und wieder: die Mama machts vor ...

…Monika nach!

und wenn’s mal nicht klappt – kein Problem, Mama hilft! Zweimal rutschen die Ligaturen um die Eierstöcke ab. Kein Problem, solange es jemand korrigieren kann, ansonsten der sichere Tod der Hündin. Aber zum „Üben“ haben wir uns ja getroffen und Lehrer und Schüler verstehen sich ausgezeichnet! Einige Worte zu dem Tierheim in Szekesfehervar: die Anlage ist gepflegt, die Tiere in einem sehr guten Zustand, die Zusammenarbeit mit den Tierärzten der Stadt gut und die Helfer mehr als eine Bereicherung. Wolfgang hat hier eine Menge auf die Beine gestellt.

Einzige „Schwachstelle“ sind die Impfungen, die leider nur einmal gegeben werden, was unserer Erfahrung nach in einem Tierheim mit sehr hohem Infektionsdruck keinen ausreichenden Schutz bietet. Aber wir sind uns sicher, dass diese Kleinigkeit in Zukunft behoben wird.

So tauchen in diesen Tagen immer wieder Tierärzte auf, die neugierig ihre Augen auf meine Finger richten. Es sind alles Kollegen, die nicht unerfahren sind und zu einem großen Teil einfach nur den „Trick“ kennen lernen wollen. Sie haben eigene Praxen, Kliniken oder arbeiten in Tierheimen. Die, die „üben“ wollen, dürfen, wie gesagt, unter meiner strengen Aufsicht selber operieren, bis sie sich sicher fühlen.

Über zwei Ereignisse möchte ich berichten, die trotz aller Souveränität doch unser Herz berührten. Die Hundefänger wurden gerufen um einen Streuner abzuholen, der hinkte. Soweit so gut. Als die Fänger uns das Tier vorstellten erkannten wir sofort, was geschehen war. Irgendjemand hatte eine Schnur um den Bauch des Tieres gezogen und dabei gleichzeitig das Hinterbein mit eingeklemmt. Die Schnur war so eng, dass sie sich langsam aber sicher tief ins Fleisch schnitt. Die Hündin hatte keine Chance ihr hochgeschnürtes Bein zu benutzen, im Gegenteil, es war dabei, abzusterben. Die Organe ihres Bauches, die durch eine erhöhte Flexibilität bessere Möglichkeiten hatten, der Schnur „auszuweichen“, waren noch intakt. Um sie zu retten, blieb uns keine andere Chance, als das Bein zu amputieren.

Das zweite Geschöpf, welches die Anwesenheit des Tierärztepools direkt ausnutzte, war ein kleiner schwarzer Kater. Nicht viel größer als meine Hand und dürr wie ein Skelett. Er war gerade dabei sein Leben auszuhauchen. Er hatte seinem verhungerten Zustand nicht viel entgegenzusetzen. Ich aber! Und wenige Minuten später rann eine lebenswichtige Infusion durch seine Adern, die Medikamente bahnten sich zu den Stellen im Körper, an denen sie gebraucht wurden und wir waren gerade dabei, die „ökologische Wärmflasche“ zu entdecken. Auf den warmen Körpern der operierten Hunde machte es sich unser neuer Patient bequem. Natürlich immer nur so lange, bis die wuscheligen Vierbeiner aus ihrer Narkose aufwachten. Nach zwei Tagen kam große Freude im OP auf, unser Zwerg hatte den ersten festen Haufen vollbracht. Sie glauben ja gar nicht, wie sich Tierärzte über Schei… freuen können.

Denken Sie einen kurzen Augenblick über die entsetzlichen Schmerzen nach, die diese Tiere stillschweigend ertragen. In diesen Momenten ist mein Beruf ein Segen für mich! Ich kann helfen!!!


Natürlich gibt es auch immer wieder andere Operation:

vorher

nachher. Und als hätten wir nicht genug zu tun, erscheinen in regelmäßigen Abständen die Presse und das Fernsehen.


Vielen Dank Euch allen, Ihr seid klasse!!!

Das zweite Tierheim welches wir besuchen sollten, liegt in Mohacs, zirka 180 km von Budapest entfernt. Zum Operieren stehen uns hier keine Container zur Verfügung, sondern gleich eine ganze Klinik. Sie gehört Frau Dr. Ibolya Papp, die zusammen mit ihrem Sohn,   Dr. Mate Halas und ihrer Schwiegertochter, Dr. Noemi Henszelmann das Tierheim der Stadt medizinisch betreuen.

Die Klinik

Dr. Ibolya Papp

Dr. Noemi Henszelmann

Da aber im Tierheim ständig Geldnot herrscht und sich weitere Kollegen angemeldet hatten, uns auf die Finger zu schauen, waren wir willkommene Gäste. Auch hier verflog die Skepsis im Nu und wir hatten ruckzuck eine nette kollegiale Atmosphäre geschaffen. Die Kollegen brachten sehr viel Erfahrung mit, so dass aus den angepeilten 40 Hunden in zweieinhalb Tagen 71 wurden. An teilweise 4 OP-Tischen wurde operiert und der Erfahrungsaustausch war auch für uns interessant. Mit der Ansicht eines Kollegen konnten wir allerdings nicht ganz konform gehen, der seine OP-Technik mit Kabelbindern vollendet, die anschließend in der Bauchhöhle des Hundes bleiben. Ohne jemals von dieser Technik gehört zu haben, sind wir durchaus skeptisch und zeigten dem Arzt dann doch lieber unseren Weg, mit resorbierbarem Nahtmaterial.











Drei ungarische Kollegen voll konzentriert bei der Arbeit. Und auch hier sind die Pressemenschen fast ein bisschen im Wege ...



Die Art und Weise, wie in dieser Klinik mit den Tieren und dem Thema Tierschutz umgegangen wird, hat uns tief beeindruckt.

Selbstverständlich wird auch diesem Kerl geholfen!

Wir möchten uns ganz herzlich für die schönen – wenn auch anstrengenden – Stunden bedanken und ebenfalls ein Dankeschön an die Tierärztekammer von Ungarn richten, mit dessen Präsidenten Thomas Busch die Möglichkeit hatte, zu sprechen. Unsere Arbeitserlaubnis wurde uns nur befristet erteilt, da man in der Vergangenheit mit einem anderen österreichischen Tierschutzverein sehr schlechte Erfahrungen gesammelt hatte. Die geschickten Tierärzte verstanden nämlich ihr Handwerk nicht und lieferten eine katastrophale Arbeit ab. So war man in der Tierärztekammer, verständlicherweise, vorsichtig und wollte von Frau Dr. Papp erst einmal ein Urteil hören. Sie war lange Zeit Vizepräsidentin.

Lassen Sie mich deshalb am Ende meines kurzen und sachlichen Berichtes einen Rat an die ausländischen Stationen richten: für das Tierheim auf Kreta, in dem wir vor vielen Jahren die ersten Erfahrungen sammelten, kastrierten anfänglich pro Jahr temporär etwa 60 Tierärzte. Vielleicht fünf davon verstanden ihr Handwerk, alle anderen waren unsicher und wollten Erfahrung sammeln.

Ausdrücklich möchte ich betonen, dass Erfahrungen NICHT an Straßentieren gesammelt werden dürfen, sondern im Gegenteil, durch die bedingte Nachsorge haben diese Tiere ein Recht auf eine absolut professionelle Arbeit und ein perfektes Equipment.

Überzeugen Sie sich also immer erst von den Fähigkeiten der anreisenden Kollegen, bevor diese an ihre Tiere heran gelassen werden. Dies ist auch einer der Gründe, warum der Tierärztepool noch nicht aus Dutzenden von Ärzten besteht.

Wenn wir neue Leute aufnehmen, dann erhalten diese Ärzte von uns eine Ausbildung, die, in Abhängigkeit von der Erfahrung, bis zu drei Monate dauern kann. Weder der Förderverein Arche Noah Kreta e.V. noch der Tierärztepool (seit Juli 2008 integriert in den Förderverein) verfügen in diesem Rahmen über finanzielle Mittel, um die Ausbildung und die anschließend obligatorische Anstellung zu ermöglichen.

Aber wir arbeiten dran…

Ihre Ines Leeuw

Projektfinanzierung: ETN

Diese Aktion wurde finanziert durch:
ETN - Europäischer Tier- und Naturschutz e.V.
Hof Huppenhardt
53804 Much
Tel: 02245/61900
Fax: 02245/619011
e-mail: Öffnet ein Fenster zum Versenden einer E-Mailinfo(at)etn-bonn.de
Internet: Öffnet einen externen Link in einem neuen Fensterwww.etn-bonn.de
VR2454, Amtsgericht Siegburg

Spendenkonto:
Europäischer Tier- und Naturschutz e.V.
Dresdner Bank Bonn
Kto: 0214243001
BLZ: 37080040
Stichwort: Ärztepool

 

 
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