DeutschEnglishFrancais
4.2.2012 : 23:43  - Schriftgröße:

Kroatien - Juni 2010

Kastrationseinsatz in Kroatien - ein Bericht des Teams der Tierhilfe Benkovac Zadar

„Ihr könnt den ersten Hund bringen!“


















Die Worte der Tierärztin kommen schneller als erwartet, erst 90 Minuten zuvor holten wir Ines und Thomas am Flughafen Zadar ab und fuhren mit ihnen nach Benkovac. Jetzt wartet Ines in dem von uns vorbereiteten, kleinen Häuschen in Benkovac hinter dem OP-Tisch darauf, mit der ersten Kastration beginnen zu können, Thomas steht mit der Narkosespritze bereit.

Wir holen den ersten Hund aus dem Zwinger. Er weiß nicht, ob er sich über die ungewohnte Zuwendung freuen soll oder ob die Angst überwiegt. Was uns jedes Mal auf´s Neue überrascht ist, wie freundlich jeder einzelne Hund ist, der uns in den Tierlagern in Benkovac und Zadar begegnet. Hunger, Misshandlung, Krankheiten, Vernachlässigung – wir wissen nicht, welche schlimmen Dinge jeder einzelne dieser Hunde in der Vergangenheit erlebt hat. Wir dürfen nur feststellen, dass all dies ihr Vertrauen in Menschen nicht gebrochen hat. Die Hoffnung auf Zuwendung und Hilfe scheint alle Vorsicht zu überwiegen.

Thomas setzt die Spritze ins Hinterbein, der Hund zuckt – zu spät, die Narkose wirkt bereits. Der Kopf des Hundes sinkt, der Körper wird schlaff, 2 Minuten Zeit für uns zum Nachdenken… Wir haben es wirklich geschafft, eine Kastrationsaktion auf die Beine zu stellen. Wir, ein kleiner Verein aus Würzburg, stehen in Kroatien mit zwei deutschen Tierärzten, um der unkontrollierten Vermehrung der Hunde in Zadar und Benkovac ein Ende zu bereiten. Es ist die erste Kastrationsaktion in Kroatien, die mit den Tierärzten des deutschen Tierärztepools durchgeführt wird. Kräftezehrende Wochen der Planung, Organisation und Vorbereitung liegen hinter uns. Schaffen wir es, alle anfallenden Kosten zu stemmen? Können wir die notwendigen Materialien auftreiben? Finden wir genug Mitstreiter, die ihre Freizeit im kroatischen Nirgendwo opfern, um uns bei diesem Projekt zu unterstützen? Jetzt, da wir hier in Benkovac stehen und zusehen, wie der erste Hund auf die Operation vorbereitet wird, können wir all diese Fragen mit „Ja“ beantworten. Die Zweifel, ob uns die Durchführung dieser Aktion gelingt, scheinen momentan über Bord geworfen. Die Narkose wirkt nun endgültig. Thomas legt die Kanüle, spritzt Medikamente und rasiert den Bauch des Hundes, bevor er ihn auf dem OP-Tisch fixiert.

Was wird uns in den nächsten Tagen erwarten? Wie viele Hunde werden wir kastrieren können? Halten alle durch? Unsere Anreise per Auto war beschwerlich, der Flug der Tierärzte nicht weniger, es  soll zudem sehr heiß werden… Werden die Hunde alles gut überstehen? Die ersten Eindrücke der Tierlager nach unserer Ankunft waren nicht erbaulich, es war einigermaßen sauber und ordentlich – die Anzahl der Hunde aber, insbesondere der Welpen war überwältigend. Viele sahen nicht gut aus, gar nicht gut. Abgemagert, schwach, apathisch, der Anblick schmerzt unsagbar. Ines setzt den Bauchschnitt, ab jetzt wird alles sehr schnell gehen. Bereits nach wenigen Minuten liegt der Hund wieder vor uns, um aus der Narkose aufzuwachen.

Nett sind sie, Ines und Thomas, und unkompliziert. Wir sind beruhigt, dass sie mit unseren Vorbereitungen zufrieden sind, hoffentlich kommen sie auch mit dem von uns improvisierten Zelt-OP in Zadar zurecht. Was werden die beiden überhaupt zum Shelter in Zadar sagen? Wie sinnvoll ist diese Aktion, wenn man bedenkt, was in Zadar alles im Argen liegt? Würden sie wieder kommen, um eine zweite Kastrationsaktion mit uns durchzuführen. Noch ist ja nicht mal die erste vorbei… Der Hund vor uns beginnt sich langsam wieder zu bewegen und auf uns zu reagieren, Zeit die Kanüle in der Vorderpfote zu ziehen.

Wir fotografieren den Hund, schreiben Alter, Geschlecht und Rasse auf, notieren die Chipnummer. Wird er einer derjenigen sein, der in ein paar Tagen die Chance auf ein neues Leben in Deutschland haben wird? Können wir ihn mitnehmen? Haben wir eine passende Pflegestelle? Oder müssen wir ihn mit den Worten „Bei der nächsten Fahrt bist zu dabei!“ zurück lassen. Mit diesen Worten, die wohl vielmehr uns selbst trösten als ihn… Die Einstichstelle blutet nicht mehr, taumelnd kann der Hund sich auf den Beinen halten. Bis er ganz bei sich ist, kommt er in einen Quarantänezwinger.

6 Welpen, winzig klein, viel zu klein, um ohne Mutter zu sein, liegen in einem der Zwinger. Es sieht nicht gut aus, gar nicht gut… Ines schaut sich die Kleinen an. Sieht nicht gut aus, gar nicht gut… Sollen wir es dennoch versuchen? Ja! Infusionen werden angehängt, Spritzen gegeben, Futter und Wasser eingeflößt. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir nicht, dass diese Rettungsversuche zu spät kommen werden, noch wissen wir nicht, dass es die Kleinen nicht schaffen werden. Noch können wir nicht erahnen, mit wie vielen dieser Situationen wir in den nächsten Tagen konfrontiert werden, wie viele Entscheidungen – endgültige Entscheidungen – getroffen werden müssen. Es werden viele sein, sehr viele! Das alles wissen wir während der Kastration des ersten Hundes in Benkovac noch nicht. Der Hund steht sicher, wirkt vollkommen wach und wedelt mit dem Schwanz. Er kann zurück in seinen Zwinger.

Das Elend der Welpen, das sich ganz tief einbrennt, wenn man es einmal gesehen hat, macht uns klar, dass die Entscheidung und die Arbeit für diese Kastrationsaktion richtig und unumstößlich waren. Und die Tatsachen, dass am Ende dieser Aktion neben verschiedenen anderen Operationen insgesamt 136 Hunde und  7 Katzen kastriert sein werden und dass zum Zeitpunkt unserer Abfahrt kein unkastrierter Hund mehr in Benkovac und Zadar verbleiben wird, werden diese 9 Tage im Juni 2010 für uns zu einem echten Erfolg machen… Doch eine Erkenntnis tritt schon während dieser ersten Stunden immer deutlicher zu Tage: die einzige Chance, dauerhaft eine Veränderung zu bewirken, ist ein Umdenken in der Bevölkerung zu erreichen. Kastrationen in den Sheltern in Benkovac und Zadar sind wichtig, unerlässlich ist es aber, die kroatische Bevölkerung davon zu überzeugen, ihre eigenen Hunde kastrieren zu lassen.

Ines steckt den Kopf durch die OP-Tür: „Ihr könnt den nächsten Hund bringen!“

Vieles mehr gäbe  es von diesen 9 Tagen in Kroatien zu berichten, zu viel, um es in einen Reisebericht zu schreiben. Wir könnten noch schildern, wie viel Futter wir zur Verfügung stellen konnten, wie weh es tut, eine Katze zu sehen, die eine Nacht lang mit Feuerwerkskörpern gequält wurde, wir könnten die Baumaßnahmen beschreiben, die wir nebenher durchführten. Es gäbe noch so viel zu berichten…

Wir berichten nun nicht mehr, anstatt dessen sagen wir: Danke!

  • Danke - Ines und Thomas - für Euren unermüdlichen und professionellen Einsatz, vor dem wir alle den Hut ziehen.
  • Danke an alle Organisationen und Vereine, die die Finanzierung dieses Projekts ermöglicht haben -  besonders ATIS, Animal2000 und der Deutschen Tierhilfe Verband.
  • Danke – Karin und Alan – für die Unterstützung, die ihr uns auf so vielfältige Art und Weise zukommen lasst.
  • Danke – Angie, für deinen unermüdlichen Einsatz.
  • Danke – Angela, Alex und Jojo – für Eure Aufopferungsbereitschaft und Eure Geduld.
  • Danke an Sabrina und Diana sowie an den Tierschutzverein Lohr e.V. für tatkräftige und materielle Unterstützung und eure fachlichen Ratschläge
  • Danke an alle Helfer in und um Würzburg, an diejenigen die uns bei unserer Rückkehr empfangen, an diejenigen die den Pflegehunden immer wieder ein liebevolles Zuhause auf Zeit schenken, an diejenigen, die uns bei der Vorbereitung, Nachbereitung und bei der Vermittlung unserer Hunde helfen!
  • Danke an alle Unterstützer und Freunde unseres Kroatienprojekts – ohne das Vertrauen, das ihr in uns setzt, wäre diese Aktion nicht möglich gewesen.

Unsere Arbeit in Benkovac und Zadar ist noch lange nicht vorbei. Neben weiteren Baumaßnahmen möchten wir kontinuierlich Hunde kastrieren lassen, damit das Elend der Welpen nicht wieder von vorne beginnt.

Dazu benötigen wir weiterhin Ihre Unterstützung!

Projektfinanzierung: Menschen für Tierrechte Würzburg e.V. - Tierhilfe Benkovac Zadar

Diese Aktion wurde finanziert durch:
Menschen für Tierrechte Würzburg e.V. - Tierhilfe Benkovac Zadar

Postfach 11 05 20
97032 Würzburg
Deutschland

Tel: 0170 / 62 18 324
e-mail: info(at)tierhilfe-benkovac-zadar.de
Internet: www.tierhilfe-benkovac-zadar.de oder www.tierrechte-wuerzburg.de

Spendenkonto:
Menschen für Tierrechte Würzburg
Volksbank-Raiffeisenbank Würzburg
Konto-Nr. 1101153
BLZ 79090000
IBAN: DE71 7909 0000 0001 1011 53
BIC: GENODEF1WU1
Betreff: KROATIEN

 

 
Auszeichnungssprache: valides xhtml 1.0 strict Layout: CSS Level 2