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21. bis 30.11.2006 (7.12)

Mit unserem neuen Material und viel Elan legen wir zwei weitere Operationstage hin. Und wir müssen dabei auch eine Erfahrung mit der kapverdischen Realität machen. Nur weil wir beschließen, am 21.11. um acht Uhr morgens mit den Operationen beginnen zu wollen, heißt das noch lange nicht, dass uns das auch gelingt. – Henriette hat Recht gehabt: Erstens sind es die Leute nicht gewohnt, dass wir um acht Uhr anfangen, und zweitens kommt um diese Uhrzeit ohnehin sicher noch niemand. So haben wir an diesem Tag einen sehr ruhigen Beginn. Fünf arbeitswillige OperateurInnen warten auf den ersten Hund, und beinahe müssen wir darum losen, wer beginnen darf.

In diesen Tagen arbeiten wir nun regelmäßig an drei OP – Tischen gleichzeitig und die Zahl der operierten Tiere – jeden Tag um die 30 – kann sich sehen lassen. Auch wenn die Mehrzahl davon auf das Konto von Ines geht, sind wir alle stolz auf diese Leistung. Inzwischen habe ich erkannt, warum sie die „Queen of kastration“ genannt wird…

Wir werden auch mit interessanten nichtchirurgischen Fällen konfrontiert: Am Montag wird der erste Hund mit einer plötzlichen schlaffen Lähmung aller vier Extremitäten zu uns gebracht. Obwohl keine Anzeichen eines Traumas zu finden sind, gehen wir davon aus, dass dieses Tier entweder vom Dach gefallen - hier werden viele Hunde, aber auch Schweine, Ziegen und Geflügel auf den Flachdächern der Häuser gehalten - oder von einem Auto angefahren worden ist.

Als wir allerdings bis zum Abend des 22.11. zwei weitere solche Fälle haben, glauben wir nicht mehr an die Traumatheorie.
Wir behandeln diese Tiere so gut wir können, und bald stellt sich heraus, dass sich ihr Zustand unter unserer Therapie bessert.
Ein Telefonat mit einem Veterinär – Neurologen in Lissabon mehrere Tage später bestätigt unseren Verdacht, dass es sich um eine infektiöse Ursache handeln könnte. Ferndiagnostisch hält er diese Erkrankungsfälle für eine auch in Portugal vorkommende Sonderform der nervalen Staupe. Er ermutigt uns, weiter zu therapieren, und am Ende der Woche kann der erste dieser Hunde bereits wieder – wenn auch nur wackelig und für kurze Strecken – gehen. Aber vor allem wenn es ums Futter geht, kann er eine nicht für möglich gehaltene Geschwindigkeit entwickeln. Wir freuen uns sehr darüber.

Nachsatz: Zur Bestätigung der Verdachtsdiagnose nehmen wir von diesen Patienten Blut zur Bestimmung des Staupetiters (Staupe – Blutwert) ab. Wochen später erfahre ich das Ergebnis. Die serologische Untersuchung auf Staupe fiel negativ aus.
Somit sind diese Fälle weiterhin ungeklärt. Und alle drei Hunde haben sich mittlerweile – was bei der nervalen Staupe so gut wie nicht vorkommt – vollkommen erholt. Jeder Leser/jede Leserin dieses Berichtes, der/die eine Idee zu diesen Erkrankungsfällen hat, ist herzlich eingeladen, uns seinen/ihren Kommentar zu schicken!

23.11.2006

Heute ist der letzte Operationstag zusammen mit Ines und Thomas, und da wir ohnehin „gut im Rennen liegen“ – wir haben über 220 Tiere operiert – beschließen wir, den OP mittags zu schließen und nach dem Mittagessen eine gemeinsame Jause zu veranstalten. Für den Abend laden Ines, Thomas und ich die ganze Crew in das Restaurant „O Poeta“ in der Achada do Santo Antonio – einem der besseren Bezirke Praias – ein.
Außerdem haben Cesaltina, Fatyma und ich am Nachmittag einen Termin bei Dra. Edith Santos, der Direktorin der Farmácia Geral („Generalapotheke“) im Gesundheitsministerium. Sie hatte sich sehr über unsere Auflistung der gesendeten Materialien geärgert, da die „internationalen Namen“, also die Wirkstoffe der Arzneimittel, nicht angeführt waren. Es ist mit ihr „Verdienst“, dass wir erst so spät zu unseren Sachen gekommen sind.
Von ihrer Unterschrift ist der Import von medizinischen Waren und Medikamenten nach Cabo Verde abhängig, und wir bemühen uns sehr, sie wieder freundlicher zu stimmen, was uns letztlich sehr gut gelingt. Das Versprechen, beim nächsten Mal mit unseren Medikamenten eine bessere Liste mit zu senden, ein netter Bericht über den Erfolg unserer Arbeit und ein bisschen auch eine Schachtel Mozartkugeln lassen das Gespräch gut verlaufen. Ich denke, dass wir in Zukunft mit ihrer Unterstützung rechnen können, wenn wir uns an die vereinbarte Art der Auflistung unseres Materials halten.

Fast die ganze Crew – Thomas und Ines, die beiden Portugiesinnen Inês und Ana, Luzia, Gandi, Cesaltina, Fatyma und ihr kleiner Sohn Rafael, Maria Olivia und Madueno, der von Ines immer liebevoll als „Tatoo – Man“ begrüßt wird, da er die kastrierten Hunde im Ohr mittels einer Tätowierung kennzeichnet, und ich lassen den Abend im Restaurant „O Poeta“ in guter Stimmung ausklingen, während Henriette zu Hause bei den Tieren bleibt.
Beim Nachhausegehen verabschieden wir uns schweren Herzens von Thomas und Ines, die morgen zeitig in der Früh abreisen werden.

24.11.2006

Nachdem Ines und Thomas heute Früh nach Lissabon abgeflogen sind, ist die Stimmung hier plötzlich ganz anders. Es ist viel ruhiger, und mir gehen die Gespräche und Scherze mit den beiden ganz besonders ab.
Da unser Abschied aus Ponta d’Agua nun auch nicht mehr weit ist und ich alle operierten Tiere auch nachkontrollieren möchte, beschließe ich, noch zwei Tage lang zu kastrieren und danach nur mehr Notfälle zu operieren. Nebenbei soll Ordnung in unser Lager gebracht werden und jeden Tag eine Stunde Schulung für „unsere“ kapverdischen MitarbeiterInnen Cesaltina, Gandi, Luzia und Madueno stattfinden. Außerdem wollen Henriette und ich in der kommenden knappen Woche noch möglichst viele einflussreiche und für unser Projekt interessante Personen – hauptsächlich PolitikerInnen – treffen.

Für heute setzen Dra. Fatyma und ich uns das Ziel, noch möglichst viele Tiere gemeinsam zu operieren, da sie uns heute Abend ebenfalls verlassen muss. Ihre Verpflichtungen auf der Insel Sal verlangen es, dass sie zurückkehrt.
Sie hat in den letzten Tagen bei uns viele neue Anregungen erhalten und operationstechnisch auch einiges dazugelernt. Wie bereits erwähnt findet sie vor allem die Operationstechnik von Ines bei der OH (Ovariohysterektomie = Kastration) der Hündin sehr faszinierend, weil man so ohne Assistenz eine Hündin kastrieren kann. Das ist für sie deshalb wichtig, weil sie auf Sal meist ganz auf sich allein gestellt praktizieren muss. Auch die Narkose wird sie von uns übernehmen, weil damit die Narkosedauer gut verlängert werden kann.

Fatyma ist meines Wissens die einzige Tierärztin in Cabo Verde, die ernsthaft Hunde und Katzen behandelt. Nachdem sie auch Interesse an unserem Projekt hat, ist in den letzten Tagen die Vision entstanden, dass sie in Zukunft vielleicht einmal in regelmäßigen Abständen nach Praia kommen wird, um notwendige Operationen durchzuführen. Für sie wäre das ein brauchbarer Nebenverdienst, und für die „Bons Amigos“ würde das eine deutliche Verbesserung der Situation vor Ort und eine weitere Verankerung unseres Projektes im Land selbst bedeuten. Dona Cesaltina und Dra. Fatyma dürften sich auch ganz gut verstehen. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt…
Am Abend statten wir Fatyma noch mit Material aus unserem Fundus aus, das sie in ihrer Praxis noch nicht hat und verabschieden sie und ihren kleinen Sohn Rafael, der auch in diesen Tagen bei uns war und dessen liebenswürdige und heitere Art wir alle sehr genossen haben. Die beiden fliegen nach Hause auf die Insel Sal. Wir werden sie vermissen.

25.11.2006

Heute ist der letzte Operationstag für unsere mittlerweile schon sehr klein gewordene Crew. Ana und ich operieren noch eine Hündin und einen Rüden, die beide stark blutende Schnittwunden an den Pfoten aufweisen und die wir bei dieser Gelegenheit auch gleich kastrieren, sowie eine Nickhautdrüsenhyperplasie (Vergrößerung einer Augendrüse) bei einem der kleinen Rassehunde, die hier „Caniz“ genannt werden und ein bisschen wie Pekinesen aussehen.
Als letzte OP kastrieren wir noch unsere kleine Hündin Dita, die sich nach der Entfernung der zwei Knochensequester und der Gabe des knochengängigen Antibiotikums Clindamycin prächtig von ihrer alten Unterschenkelfraktur erholt hat und wieder ohne Lahmheit laufen kann. Diese auf einer Müllhalde aufgelesene, mittlerweile ca. sechs Monate alte Hündin wird demnächst zu ihrem neuen und – wie ich annehme – ersten Besitzer nach Cidade Velha, der ältesten Ansiedlung auf der Insel Santiago und wahrscheinlich aller kapverdischen Inseln, gebracht werden. Bei der Suche nach Menschen, die sich in Zukunft um einen „unserer“ Hunde kümmern werden, können wir uns getrost auf das Geschick von Cesaltina verlassen. Ihre Wahl hat bis jetzt immer gepasst. Was ihr dabei zugute kommt, ist die Tatsache, dass kastrierte und behandelte Hunde besonders begehrt sind.

Da die Operationen mehr Zeit in Anspruch genommen haben, als ich gedacht hatte, muss ich den für heute geplanten Beginn der Schulung in der Behandlung von verletzten und kranken Tieren und in der Parasitenbekämpfung auf morgen verschieben.

26.11.2006

Heute ist Sonntag, der mittlerweile dritte Sonntag unserer Arbeit hier in Ponta d’Agua. Es ist schulfrei, und deshalb kommen besonders viele Kinder mit ihren Hunden zur regelmäßigen Deparasitação (Parasitenbekämpfung). Daneben behandeln wir unsere eingestellten Tiere und einige Erkrankungsfälle.

In der Zeit, die verbleibt, versuche ich, unseren Lagerstand an Medikamenten und Operationsmaterial fertig zu stellen, damit wir einen Überblick darüber haben, was für unseren nächsten Einsatz hier noch vorhanden ist. Da unser Material erst so spät aus dem Zoll zu bekommen war und wir bis vergangenen Montag von unseren Vorräten zehren mussten, ist unser Lager noch ziemlich gut ausgestattet.

Zur Mittagszeit findet unsere erste Schulungsstunde statt. Wir beschäftigen uns eingehend mit der Parasitenbekämpfung und mit der Behandlung von Frakturen.

Am frühen Abend besuchen Henriette, Cesaltina und ich die hier in Praia lebende russische Physiotherapeutin Anna Vicente, die den „Bons Amigos“ bei der Erledigung der finanziellen Angelegenheiten und Transaktionen zwischen Cabo Verde und Österreich behilflich ist. Da sie in der Delegacía de Saúde – der Gesundheitsbehörde der Stadt – arbeitet, kennt sie die gesundheitliche Situation hier in Praia sehr gut und ist auch mit vielen einflussreichen und für uns wichtigen Personen bekannt. Sie steht uns seit Jahren mit Rat und Tat zur Seite.

Nach Ponta d’Agua zurückgekehrt erledige ich noch die Behandlungen der bei uns stationär aufgenommenen Hunde, und damit geht ein arbeitsreicher Sonntag zu Ende.

27.11.2006

Heute haben Henriette Wirtl und ich um 9.30 einen Termin mit dem Advogado (Anwalt) Dr. José Gomes, den derzeitigen Präsidenten der Organisation „Pro Praia“, die eine Vereinigung zur Förderung der Entwicklung von Praia ist. Das interessante und angeregte Gespräch hat zum Ergebnis, dass Dr. Gomes am kommenden Mittwoch, bei der nächsten Sitzung von „Pro Praia“, einen Beschluss anregen wird, der die Arbeit der „Bons Amigos“ gutheißt und auch in anderen Stadtteilen vorschlägt. Darüber hinaus wird „Pro Praia“ wahrscheinlich auch unsere Forderungen an die Gemeinde Praia unterstützen.
Wir regen nämlich schon seit längerem zweierlei an:

  • Zum einen könnte die Gemeinde Praia als Unterstützung aus Portugal die für die Parasitenbekämpfung nötigen Medikamente Ivermectin und Praziquantel erbitten bzw. anfordern und damit die materielle Grundlage für eine flächendeckende Parasitenbekämpfung schaffen.
  • Zum anderen wünschen wir uns, dass die Gemeinde die Auslegung von Giftködern für die Straßenhunde in den Medien ankündigt. Das soll dazu dienen, dass die Menschen sich selbst, ihre Kinder und die von ihnen gepflegten Hunde vor den Giftködern schützen können. Als Gift wird nämlich das hochgefährliche Strychnin verwendet.

Da „Pro Praia“ sich in Zukunft nicht nur der Anregung und Kritik widmen will, sondern auch vermehrt in die direkte Arbeit in benachteiligten Stadtteilen einsteigen will und das Problem der Straßenhunde kennt, sind unsere Ideen – zumindest bei Dr. Gomes – sehr willkommen. Vielleicht wird aus unserem Gespräch eine gute Zusammenarbeit entstehen…

Derart beflügelt versuche ich noch im nebenan gelegenen Koordinationsbüro der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit einen Termin zu bekommen, muss mich allerdings noch bis morgen gedulden, da die Leiterin – Dr. Eva Kohl – derzeit nicht in Praia ist und erst morgen wiederkommen wird.

Zurück in unserem kleinen Tierspital entschließe ich mich, noch einen Hund zu operieren. Er hat eine faustgroße Speicheldrüsenzyste am Hals, und die OP dauert über drei Stunden.
Während dieser Zeit „erledigt“ Henriette unseren für heute am frühen Nachmittag vereinbarten Termin bei Dr. David Moreira, dem Hygienebeauftragten im Gesundheitsministerium, telefonisch, da wir wegen der langen Operation doch deutlich zu spät kommen würden. Es ist ein sehr angenehmes Gespräch, in dem Dr. Moreira zumindest Interesse an unserer Arbeit bekundet.
Nach einem sehr späten Mittagessen sind noch etliche Tiere, die vorbeigebracht werden, zu behandeln, und danach halte ich erschöpft aber zufrieden noch die heutige Schulungsstunde für Cesaltina, Gandi, Luzia und Madueno.

Heute verlassen uns die beiden portugiesischen Tierärztinnen Inês und Ana endgültig. Nach Konflikten zwischen ihnen und Henriette haben sie die letzten Tage nicht mehr hier mitgearbeitet. Hoch rechne ich es ihnen aber an, dass sie mich in den Tagen, als wir noch operiert haben, und die anderen OperateurInnen schon abgereist waren, nicht im Stich gelassen haben.
Heute Abend holen sie ihr Gepäck und verabschieden sich in ihre wohlverdienten freien Tage, die jetzt für sie anbrechen.

Im Haus nebenan geben sie ein kleines Abschiedsfest für die vielen Kinder, die uns täglich besucht haben. Ich feiere noch ein bisschen mit und fahre dann todmüde zurück ins Hotel.

28.11.2006

Nach der morgendlichen Behandlung unserer eingestellten Tiere und einigen OP – Nachkontrollen machen Henriette und ich uns auf den Weg zur „Adega“, einem Großhandelsunternehmen für Lebensmittel und Haushaltsartikel, das von dem Kapverdianer Carlos und seiner aus Irland stammenden Frau Kathrin/Katrina geführt wird. Diese wohlhabenden Leute haben ihren Firmen- und Wohnsitz in der Achada Tras außerhalb von Praia, sind große Tierfreunde und haben unser Projekt bereits mehrfach unterstützt. Unter anderem nehmen sie immer wieder unser Material entgegen, das mit dem Schiff nach Praia gesandt wird, und helfen uns mit den Zollformalitäten. Es war auch ihr Dispatcher bzw. Despachante (für die Zollformalitäten zuständige Person), Senhor Modesto, der uns vergangene Woche am Montag geholfen hat, unsere Medikamente aus dem Zoll am Flughafen zu bekommen.

Dort machen wir einen Großeinkauf an Putzmitteln und Verbrauchsmaterial für die weitere Arbeit der kapverdischen „Bons Amigos“ (also für Cesaltina und ihre HelferInnen) während unserer Abwesenheit. Außerdem bitten mich Carlos und Katrina, ihren schon ziemlich alten Rüden zu untersuchen. Dieser Bitte komme ich gerne nach und verspreche ihnen, sie mit ein paar Medikamenten aus unserem Lager zu versorgen, damit sie eine bessere Hausapotheke für ihren Hund zur Verfügung haben.

Wir erzählen den beiden auch von unserer neuen Vision bezüglich einer zukünftigen Zusammenarbeit mit Dra. Fatyma Santos, und sie erklären sich spontan dazu bereit, für Dra. Fatyma drei Flüge zwischen Sal und Praia pro Jahr zu finanzieren. Ich freue mich sehr darüber.
Und noch eine Neuigkeit gibt es: Der Schiffscontainer aus Europa, der auch eine Palette mit Material für uns enthält, ist in diesen Tagen angekommen, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir die Sachen schon sehr bald geliefert bekommen.

Nach diesem erfolgreichen Vormittag kehren wir nach Ponta d’Agua zurück und essen zu Mittag.

Den Nachmittag verbringe ich mit Besuchen bei PolitikerInnen. Zuerst versuche ich vergeblich, den Gesundheitsdelegierten der Stadt Praia – Dr. José da Rosa – zu erreichen, der leider heute nicht im Amt ist. Danach gehe ich ins Rathaus ins Büro des Bürgermeisters und informiere die PR – Fachfrau Dona Dilva Goncalves und die Kabinettschefin Dona Elisa Monteiro über die Entwicklung unseres Projektes. Außerdem bitte ich beide um einen Termin beim Bürgermeister. Beide sind sehr freundlich zu mir, bleiben aber in ihren Aussagen unbestimmt. Eventuell werde ich den Bürgermeister nächste Woche, wenn ich nach meinen freien Tagen auf der Insel Fogo noch kurz nach Praia zurückkehren werde, besuchen können, und vielleicht wird sich die Gemeinde Praia unser Projekt einmal genauer ansehen. Das ist nach über sechs Jahren Kontakt mit der Gemeinde keine besonders reiche Ausbeute.
Nebenbei erreiche ich telefonisch die Direktorin des österreichischen Büros für die Entwicklungszusammenarbeit mit Cabo Verde – der „Cooperação Austriaca“ – Dr. Eva Kohl. Sie werde ich übermorgen treffen können.

Nach Ponta d’Agua zurückgekehrt halte ich noch eine weitere Schulungsstunde für unsere MitarbeiterInnen, und danach behandeln wir noch gemeinsam unsere eingestellten Tiere.

29.11.2006

Heute ist der letzte Tag von Henriette hier in Praia. Morgen wird sie nach Lissabon und dann zurück nach Wien fliegen.

Wir haben viel zu tun. Neben laufenden Behandlungen und einer kleinen Lidoperation machen wir einen umfassenden Lagerstand unseres Materials, und ich verpacke alles, was wir erst bei unserem nächsten Operationseinsatz wieder brauchen werden. Ich halte auch noch eine abschließende Schulung ab und bespreche mit Cesaltina, Madueno, Luzia und Gandi die weiteren Behandlungsschritte für die wenigen noch bei uns eingestellten Hunde. Im Wesentlichen sind es noch fünf Tiere, die einer weiteren Behandlung bedürfen:

- Die drei gelähmten Hunde, von denen der eine schon wieder ziemlich sicher auf den Beinen ist und die anderen zumindest schon passiv sitzen können
- und die zwei schwer an Räude erkrankten Rüden, die zwar noch kein einziges Haar am Körper haben, aber deren hochgradige Entzündung der Haut langsam abheilt.

Alle fünf sind bei gutem Appetit, und im Rahmen ihrer Möglichkeiten beteiligen sie sich bereits am Geschehen um sie herum.

Zwischen unseren Patienten toben – allen Separierungsversuchen zum Trotz und für jeden Epidemiologen ein Gräuel – einige noch nicht abgeholte, aber kerngesunde Hunde wie Nala, Dita oder der kleine Schwarze mit den schweren Beinverletzungen, den wir Bobo getauft haben, und auch die zwei Hunde, die schon seit über einem Jahr in unserem Haus wohnen: die Hündin Tristessa und der dreibeinige Rüde Napoleon.
Etliche Wochen später – bereits zurück in Wien – werde ich erfahren, dass alle Patienten entlassen werden konnten – entweder zu ihren alten oder zu ihren ersten Besitzern.
Es ist immer wieder schön zu bemerken, dass die meisten Menschen hier die in der Nähe ihrer Häuser umherlaufenden Tiere zwar nicht immer sofort als ihre eigenen ansehen, aber durchaus bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Besonders freut es mich, wie sehr das medizinische Verständnis unserer KollegInnen hier auf Cabo Verde durch meine regelmäßigen Schulungen gestiegen ist. Das merke ich nicht nur an ihrem theoretischen Wissensstand, von dem ich noch vor zwei Jahren nur hätte träumen können, sondern auch an ihren Erzählungen über die von ihnen durchgeführten Behandlungen.
Cesaltina, die bekanntlich in ihrem Hauptberuf im Centro de Saúde (Gesundheitsstützpunkt) in Ponta d’Agua arbeitet und dort auch kleine chirurgische Eingriffe an Menschen vornimmt, hat in diesen Tagen bei uns ihre ersten selbstständigen Operationen an Hunden durchgeführt. Sie und Dra. Fatyma könnten einmal ein gutes OP – Team abgeben.
Am Nachmittag werden unsere Sachen aus dem Schiffscontainer von der „Adega“ tatsächlich bereits an uns geliefert. Wir sortieren das Material, und Gandi und ich ergänzen den Lagerstand.
Jetzt ist bis auf meine morgigen Besuche wirklich alles, was wir uns für diesen Einsatz vorgenommen hatten, erledigt.

Am Abend sitzen alle, die noch hier sind, noch einmal vor unserer Klinik zusammen – der Strom ist wieder einmal ausgefallen, und es ist alles dunkel – und nehmen mit Anekdoten und Erinnerungen langsam Abschied.

30.11.2006

Nachdem Henriette heute in der Früh abgeflogen ist, bin ich der letzte „Branco“ (Weiße), der noch hier ist.
Um neun Uhr morgens habe ich einen Termin mit Dr. José Luis de Barros, dem leitenden Amtstierarzt im Ministerio d’Agricultura in São Felipe. São Felipe liegt etwas außerhalb von Praia auf einer erstaunlich grünen Hochebene, und die Gebäude des Ministeriums stehen malerisch in einem parkartigen Gelände.
Das Gespräch mit Dr. de Barros läuft in Anbetracht der Schwierigkeiten mit ihm heuer im Mai, als Henriette einen kranken Hund zur Behandlung nach Portugal ausfliegen lassen wollte, erstaunlich gut. Auch die vorhandene Sprachbarriere meistern wir vorzüglich: Nachdem er besser französisch spricht als englisch, bei mir die Sache aber umgekehrt ist und überdies mein Portugiesisch den Anforderungen eines etwas differenzierteren Fachgespräches nicht Stand hält, spricht er zu mir in einem Französisch, das reichlich mit lateinischen und portugiesischen Ausdrücken angereichert ist, und ich antworte ihm in einem ebensolchen Englisch. Bald verstehen wir uns annähernd reibungslos.
Er verspricht, uns beim nächsten Mal die begründete Ausfuhr eines Hundes nach Portugal zu einer Behandlung, die wir diesem Tier hier nicht bieten können, zu erleichtern. Er wird, sobald er die Anforderung der Universitätsklinik in Lissabon und eine Anamnese von mir hat, die erforderlichen Formalitäten mit der Tierärztekammer in Portugal für uns erledigen und die Ausfuhr bewilligen. Ich verspreche ihm im Gegenzug ein paar unserer Medikamente, die er offensichtlich dringend benötigt. Er sagt mir, er brauche sie für die Polizei- und Drogensuchhunde.
Bei unserer gemeinsamen Autofahrt nach Praia sprechen wir noch über die Sinnhaftigkeit und Unterstützungswürdigkeit unseres Projektes. Ich hoffe, dass der Kontakt mit den AmtstierärztInnen nun in Zukunft leichter sein wird. Ich habe einen ganz guten Eindruck.
Nach einem weiteren erfolglosen Versuch, den Delegado de Saúde (Gesundheitsdelegierten) zu erreichen, fahre ich wieder in unsere Klinik und erledige ein paar Behandlungen.
Um 14.30 treffe ich in der „Cooperação Austriaca“ Dr. Eva Kohl zu einem Gespräch über unser Projekt. Sie hört den Bericht über unsere Arbeit mit Interesse und gibt mir einige interessante Hinweise und Hintergrundinformationen zur Rezeption unseres Vereins in der Öffentlichkeit in Praia, bei PolitikerInnen und EntscheidungsträgerInnen. Sie verspricht mir, mit dem Bürgermeister über unsere Arbeit zu sprechen und eine in der ganzen Stadt durchgeführte Parasitenbekämpfung anzuregen.

Am Abend dieses letzten Tages feiere ich mit Cesaltina, Gandi, Luzia und Madueno den Erfolg dieses Einsatzes mit Cachupa (typisches kapverdisches Eintopfgericht aus Maismehl, Bohnen und Gemüse) und Bier, und dann ist die Zeit des Abschieds gekommen. Bevor ich gehe, bespreche ich mit Cesaltina noch die letzten Details zu den weiteren Behandlungen der Hunde, die sich noch bei uns in der Klinik befinden, denn unsere Arbeit geht weiter…

7.12.2006

Heute bin ich nach einer Woche Urlaub auf den Nachbarinseln Fogo und Brava noch einmal ganz kurz in Praia und besuche natürlich auch meine KollegInnen in Ponta d’Agua.

Ich freue mich sehr, dass sich in der letzten Woche alles bestens entwickelt hat. Es gab keine ernsthaften Notfälle, und der Zustand aller kranken Hunde hat sich weiter gebessert. Von den drei gelähmten Hunden können mittlerweile zwei wieder gehen, und der dritte – wir haben die kleine Hündin Amelia getauft – kann mit ein wenig Unterstützung stehen. Die beiden Räudehunde haben eine durchwegs abgeheilte Haut und an einigen Stellen schon einen sanften Haarflaum. Natürlich mache ich Fotos zur Dokumentation unserer Erfolge. Wenn sich alles so gut weiterentwickelt, werden die letzten Patienten nächste Woche nach Hause entlassen werden können.

Zufrieden kann ich Praia nun für länger verlassen. Ich weiß, dass die Hunde bei Cesaltina und den anderen „Bons Amigos“ auf Cabo Verde gut aufgehoben sind. Und ich weiß, dass es wieder einen Operationseinsatz geben wird. Und dass ich einmal wiederkommen werde.

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