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17. – 19.11.2006

In der Erinnerung verschwimmen diese immer ähnlich ablaufenden Arbeitstage zu einem großen, langen, arbeits- und ereignisreichen Tag, und nur wenn ich mir Einzelheiten in Erinnerung rufe, merke ich, dass es viel zu viele für einen einzelnen Tag sind.

Jeden Morgen fahren Ines, Thomas und ich mit dem Taxi von Praia in unsere „Klinik“. Gleich nach der Abzweigung von der Hauptstraße in Richtung Ponta d’Agua ändert sich das Erscheinungsbild, und vieles weist darauf hin, dass wir uns in einem armen Stadtteil befinden:
Der glatte Asphalt der Hauptstraße wird von schwarzem Basaltsteinpflaster mit vielen Beschädigungen und Schlaglöchern abgelöst, und es fängt zu rumpeln und zu stauben an. Es gibt zwar auch anderswo in Praia diese Pflasterstraßen, aber die Straße durch Ponta d’Agua ist besonders uneben und staubig. Gehsteige gibt es nur in Ansätzen, und dort, wo sie vorhanden sind, hat sich der Sand der Umgebung bis zur Bordsteinkante angesammelt. Es gibt zwar mehrere Müllcontainer, aber mindestens ebenso viel Abfall liegt auf der Straße. Im Müll laufen Ziegen, Hühner und Hunde umher. Katzen sehe ich in Ponta d’Agua hingegen nur sehr wenige. Ich glaube, dass viele junge Katzen als Hundemahlzeit enden.
Die Häuser sind aus billigen, bröseligen Ziegeln aus Beton und Kies, so genannten „Blocos“, erbaut und in den allerseltensten Fällen verputzt. Nicht alle Fenster haben Scheiben, und viele Böden in den Häusern bestehen aus gestampfter Erde. Es gibt aber auch schmucke, mehrstöckige und mit Balkonen und Pflanzen verzierte, bunt gestrichene Häuser hier.

Impressionen:


Suchspiel: wer findet den Hund?

Das Haus, in dem wir arbeiten, ist eines von diesen besseren, und das ganz Besondere daran ist die wunderbare Aussicht auf die Altstadt und das dahinter liegende Meer. Wann immer die Arbeit oder die vielen anwesenden Menschen in und um das Haus mir zu viel werden, kann ich den Blick dorthin schweifen lassen. Um nur diese Schönheiten der Landschaft zu sehen, bedarf es allerdings eines gewissen Hanges zur Romantisierung oder zur Schwachsichtigkeit. Denn die sich zwischen Ponta d’Agua und der auf einem Hochplateau liegenden Altstadt hinziehende „Ribeira“ – ein ausgetrocknetes Flussbett – ist eine große Abfalldeponie und der Abhang dorthin ist nicht minder schmutzig.

Zwischen den staubgrauen Häusern und vielen rotbraunen Steinen und Felsbrocken wachsen ein paar verstaubte Akazien. Ansonsten ist die Erde hier übersät mit Müll, vor allem Plastik und Altmetall. Die freien Stellen zwischen den Häusern werden als öffentliche Toiletten benützt. Hinzu kommt, dass zwar fast jedes Haus eine „Fossa“ – eine Sickergrube – besitzt, in die aber alle Abwässer, die Putz- oder Waschmittel enthalten, nicht hineingeleert werden, um die Bakterien in der „Fossa“, die die Exkremente zersetzen sollen, nicht abzutöten. Deshalb landet jegliches Putz- und Waschwasser in hohem Bogen auf der Straße oder am Abhang unter dem Haus, ruhig auch vor der Türe des Nachbarn.

Wenn ich aber am Abend vor unserer Klinik unter der täglich größer werdenden Mondsichel und dem meist klaren Sternenhimmel im kühlen Abendwind sitze und auf die Lichter der Stadt, der vorbeifahrenden riesigen Schiffe und der in der Ferne landenden Flugzeuge, die von den anderen Inseln kommen, schaue, müde und zufrieden nach einem gelungenen Arbeitstag, kann ich mir kaum einen schöneren Ort vorstellen.


Romantik…


…oder Schwachsichtigkeit?

 

Wenn wir uns unserer Klinik nähern, werden wir von den Menschen auf der Straße freundlich begrüßt.

Vor dem Haus warten dann bereits mehrere zur Operation angemeldete Hunde mit ihren Besitzern.

Zuerst behandeln wir unsere eingestellten Tiere. Wir haben immer mehrere kranke Tiere da. Im Laufe der Zeit werden wir – teils nacheinander, teils gleichzeitig – folgende Tiere stationär bei uns behandeln:

 

- den kleinen schwarzen Hund mit den Beinverletzungen;

- die kleine Hündin „Dita“ mit einer alten offenen Fraktur. Aus der Wunde rinnt übel riechendes Sekret, und das Bein ist sehr schmerzhaft. Aber die Behandlung hilft, und nach der Entfernung zweier Knochensequester (abgestorbene Knochenbruchstücke) kann das Bein abheilen.


Ines entfernt die Knochenstücke

- zwei hochgradig an „Sarna“, der Räude erkrankte Hunde, die kein Fell und kaum noch Haut auf ihren klapperdürren, wunden Körpern haben.

- die schöne Hündin „Fofa“, die bereits vor einem Jahr von uns kastriert wurde, aber trotzdem ein Stickersarkom (durch Geschlechtsverkehr übertragener, ansteckender Genitaltumor) entwickelt hat.

- zwei Welpen mit parvoähnlichem Durchfall und Erbrechen (die Parvovirose ist eine auch als „Katzenseuche“ bekannte sehr aggressive, blutige Entzündung des Magens und des Darmes);

- ein Welpe mit Pneumonie und hochgradiger Anämie (Blutarmut); Um ihn zu retten, erhält er eine Bluttransfusion. Als Blutspender muss ein gesunder und kräftiger Hund, der schon länger in unserem Haus lebt, herhalten.

- die schöne elfenbeinfarbene Hündin „Nala“, deren deformierte Pfote von einer Serienfraktur der Metacarpi (Mittelhandknochen) herrühren dürfte.

Bis auf die Welpen mit der hämorrhagischen Gastroenteritis (blutigen Magen – Darmentzündung) überleben alle.

Nach einer kurzen Besprechung starten wir die Operationen und operieren ohne Pause bis zum Mittagessen. Anfangs operieren vor allem Ines und ich, doch bald lassen wir auch Fatyma, Cesaltina und die beiden Portugiesinnen Ana und Inês ihre ersten Tiere unter Anleitung kastrieren.

Zu Mittag gibt es jeden Tag eine andere kapverdische Köstlichkeit, die von unserer Vermieterin, Dona Maria Olivia, zubereitet wird.


Deutsch – Österreichische Zusammenarbeit
Ein schönes Gefühl, sich auf den anderen verlassen zu können!

Nach einer kurzen Pause operieren wir bis zum Einbruch der Dunkelheit, und wenn wir durch aufwändige Behandlungen oder Notfälle aufgehalten werden auch länger.


Madueno darf auch einmal nähen und ist stolz wie Oskar. Er ist 15 Jahre alt…

Wenn dann die abendlichen Behandlungen unserer stationären Patienten und die Vorbereitungsarbeiten für den nächsten Tag erledigt sind, ist es meist nach neun Uhr abends.
Danach plaudern wir noch ein wenig und entspannen uns bei einem Bier oder gehen noch etwas essen.

Manchmal schaue ich dann noch ins Internet – Café, um zu erfahren, was es zu Hause Neues gibt, aber meist bin ich dafür schon zu müde.

Am Samstag, den 18.11. gehen wir alle zusammen abends ins „Quintal da Musica“, einem von einer Kulturkooperative betriebenen Innenhoflokal, wo fast täglich Live – Musik gespielt wird. Es ist sehr laut hier und für meine – andere Eindrücke gewöhnte – Augen sehr unkapverdisch, weil mindestens die Hälfte der Gäste hier Touristen sind.
Wir alle fühlen uns ein bisschen deplaziert…

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