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Kapverden-Tagebuch Teil 7:
Praia, den 27. August 2005
Das Hoteltelefon klingelt. Man bittet mich an den Apparat. „Könnt ihr schnell kommen, einer gestern operierten Katze hängt was aus dem Bauch raus.“
Zehn Minuten später sind wir da und operieren die Katze ein zweites Mal. Es hatte sich tatsächlich die Naht gelöst und Fettgewebe hängt aus ihrem Bauch heraus. Sie übersteht die zweite OP bestens.

Um 11:00 Uhr hat Frau Wirtl einen Termin bei einer sehr wohlhabenden Familie, die sie unterstützen wollen. Da diese Familie zwei alte Hunde besitzt, die Umfangsvermehrungen unter dem Bauch haben, bittet sie uns mitzukommen. Die Fahrt führt uns heraus aus Praia.


Diese Familie betreibt Handel mit Lebensmitteln aus Europa und so stehen sehr viele riesige Container auf dem großen Gelände. Die beiden sind sehr nett und freuen sich, dass ihnen ein fachmännischer Rat in Bezug auf ihre Hunde erteilt werden kann. Sie versprechen auch, Frau Wirtl weiterhin zu helfen.
Wieder im OP-Raum zurück kastrieren wir noch schnell zwei Hündinnen und einen Rüden, um der nächsten Aktion entspannt entgegenblicken zu können.
Unser Gesundheitszustand lässt noch keine Besserung aufkommen, allerdings werden wir in den nächsten 4 Stunden keine Zeit haben, darüber nachzudenken. Der Jeep wird mit Ekto- und Endoparasitika bepackt und jeder der einigermaßen fit ist, nimmt Platz auf den schmalen Sitzbänken im Open-Air-Heck.


Cesaltina
Cesaltina übernimmt die Führung. Sie ist Krankenschwester und wohl eine der besten auf den Kapverdischen Inseln. Ihr Name erzeugt überall Ehrfurcht, denn sie hat schon unzähligen Menschen das Leben gerettet. Sie ist auch diejenige, die alles behandelt, egal ob Zwei- oder Vierbeiner. Während wir von einem Schlagloch zum nächsten hüpfen schallt es immer wieder von den Menschen am Straßenrand zu unserer Ladefläche hinüber: „Cesaltina…“ Sie antwortet stets mit einem netten Spruch, zwinkert uns aber zu, dass sie sich an die meisten Menschen gar nicht mehr erinnern kann, die sie gerettet hat, da es einfach zu viele sind.
Frau Wirtl hat dafür gesorgt, dass Celestina in Österreich ein Intensivprogramm in tiermedizinischer Arbeit bekam, was sich doppelt und dreifach ausgezahlt hat. Celestina ist ein Schatz!
Für eine Übersetzung ist dank der Portugiesen natürlich jederzeit gesorgt.
Dann sind wir am Ziel. Von Woche zu Woche wird jedes Mal eine andere Slumregion besucht und der Bevölkerung ein Parasitenbekämpfungsprogramm angeboten.
Wir verlassen den Jeep, bepackt mit allem was wir brauchen und laufen entlang der Häuser einer Stelle entgegen, wo augenscheinlich gerade mal drei Hunde mit ihren Besitzern warten.









ob das so richtig ist?
Na prima, denke ich, das war es dann wohl, aber im Minutentakt tauchen Kapverdianer, überwiegend Kinder, mit ihren Hunden auf. Es ist unglaublich, ich kann gar nicht verfolgen, von wo sie überall heranströmen, aber innerhalb kürzester Zeit ist der kleine Platz zwischen den zwei Gassen restlos überfüllt. Cesaltina versucht Ordnung in das heillose Chaos zu bringen, was ihr zeitweise auch gelingt. Alles andere pudert, sprüht oder spritzt die Parasitenbekämpfungsmittel auf die Hunde, dass man denken könnte, wir würden pro Stück bezahlt. Immer wieder versuchen sich Kinder mit ihren Hunden vorzumogeln, was nach einiger Zeit Ricardo zu einer Schreiattacke verleitet. Zumal er auch gerade noch einen Kampf mit einem unkooperativen Hund geführt hatte, sind seine Nerven äußerst gespannt. Aber es nützt alles nichts, das Gewusel bleibt.


Ein Junge hat sich verletzt – Ines ist sofort zur Stelle
Die Hunde sind zwar zweifelsohne meistenteils sehr eingeschüchtert, gehorchen den Kindern aber erstaunlich gut. Wobei „Gehorchen“ das falsche Wort ist. Es ist eher „Dich kenn ich – vor Dir habe ich weniger Angst als vor den Weißen“. Und so laufen zwar alle an der Leine, bzw. irgendwelchen Schnüren, bekommen aber auch durchweg mal einen Klapps mit dem Schlappen oder werden an dem Vorderbein regelrecht zu uns geschliffen. Wenn es ihnen gelingt, sich von der Leine zu befreien, laufen sie aber anschließend nicht weg, sondern lassen sich von ihrem „Kinderherrchen“ anstandslos wieder einfangen.
Schätzungsweise 100 Hunde werden von uns behandelt. Wer in solch einer Region so etwas auf die Beine stellt, verdient unsere Hochachtung.

Aussicht auf Praia
Wieder auf der Ladefläche merken wir erst, wie schlecht es uns selbst eigentlich geht. Aber Frau Wirtl hat noch eine Sticker-Sarkom Hündin bestellt, die jeden Moment eintrudeln soll und uns garantiert wieder ablenkt. Ein Sticker-Sarkom ist ein halbbösartiger Tumor an Geschlechtsorganen und wird beim Geschlechtsakt übertragen. Die befallenen Geschlechtsteile sind je nach Befall, gar nicht mehr als solche zu identifizieren und benötigen zusätzlich zur OP auch eine Chemotherapie. Auf die Frage ob das Tier kastriert sei, bekommen wir die, leider immer wieder zu hörende Antwort: „ja, aber läufig wird sie trotzdem noch“. Das bedeutet für uns, dass der Kollege der die Kastration vorgenommen hat, lediglich die Gebärmutter entfernt hat, die Eierstöcke aber im Tier gelassen hat. (Diese zu entfernen ist der schwierigere Teil der OP). Dadurch produziert die Hündin aber noch Hormone, wird läufig und damit für Rüden interessant. Und mit dem Deckakt überträgt sich das Sticker-Sarkom. Ich möchte niemanden mit Fachchinesisch langweilen, aber so etwas erleben wir immer wieder. Es ist ein arger Kunstfehler, der letztendlich dem Tier nur schadet. Diesen Schaden beheben wir in den nächsten zweieinhalb Stunden.

Vorher

Nachher
Total fertig verlassen wir unser OP-Haus und denken gerade darüber nach ob wir das Taxi vor dem Tor nehmen sollen, als ein lebloser Körper aus dem Taxi raus und an uns vorbei getragen wird. Da wir unseren portugiesischen Kollegen noch nicht allzu viel zutrauen – dies ist überhaupt nicht böse gemeint, schließlich waren wir alle mal Anfänger – rennen wir dem Menschenauflauf und dem leblosen Hundekörper hinterher. Alle Versuche, wieder Leben in dieses Tier zu hauchen sind zwecklos, die Kleine ist tot.
Wir alle hassen solche Momente. Da steht man einem erwachsenen Mann gegenüber, der mit seinen Tränen kämpft und muss versuchen, ihm zu erklären, dass die Todesursache nichts mit der vor zwei Tagen von uns durchgeführten Kastration zu tun hat. Laut seiner Aussage lag die Hündin im Flur, sprang auf und brach tot zusammen. Wir bieten ihm an, das Tier zu obduzieren, letztendlich auch, um unser Gewissen zu beruhigen. Er willigt ein, unsere ekelhafte Arbeit bleibt aber ohne Ergebnis. Die Ligaturen sitzen, keine Blutungen, nichts pathologisches. Aber auch Herz und alle anderen Organe sind unauffällig. Das Gehirn obduzieren wir nicht, da das Werkzeug fehlt, die Todesursache liegt aber höchstwahrscheinlich in diesem Bereich begraben. Gehirnschlag? Wir werden es nie erfahren.

Welcher Todesursache die Kleine nun zum Opfer fiel, ist nicht herauszufinden, macht sie aber auch nicht mehr lebendig und uns auf keinen Fall glücklicher.
Wie geprügelte Hunde, krank und schlecht gelaunt, verlassen wir kurz vor Mitternacht das OP-Haus.



