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Kapverden-Tagebuch Teil 2:

Praia, den 22. August 2005

Die Eindrücke der Busfahrt vom Hotel zu dem Viertel, in welchem wir arbeiten, lassen sich nicht beschreiben. Man muss es erleben. Man muss mitten drin sein in einem Leben, was in den meisten Köpfen unserer nordeuropäischen Mitmenschen nicht existiert. Nicht existieren kann! Rasenmähen, Zäune streichen, Einkaufsbummel mit der Maßgabe nichts Nötiges zu kaufen, sondern nur des Kaufens wegen, selbst gemachter Sinnlosstress, all diese Dinge verblassen hier und beleidigen diese Menschen. Der Stress in diesen Armenvierteln beschränkt sich auf  das Überleben.

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Wie es zu erwarten war, platzt unser Wartezimmer unter freiem Himmel, aus allen Nähten. Behandlungen gegen Parasiten werden das ganze Jahr über von Frau Wirtl und ihrem Team angeboten. Die Bevölkerung darf jederzeit kommen und ihr Tier behandeln lassen. Von diesem Angebot machen viele Gebrauch. Am Samstag, so erzählt man uns, war der kleine Platz vor unserem OP-Haus überfüllt mit mindestens 200 Menschen inklusive Hunden. Frau Wirtl vermutet, es war der vorauseilende Ruf der brancos…

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Während wir die ersten Operationen beginnen, erzählt Frau Wirtl uns von einem Hund, der mit einem halb verwesten Bein schon einige Tage hier herumläuft. Der hat einen Besitzer und dieser hat versprochen, heute zur Amputation zu kommen. Es interessiert niemanden, dass wir als einzige Säge nur die an meinem Taschenmesser haben. 

Gegen Nachmittag kommt Hektik auf. Ein Hund wird zu uns gebracht. Es ist nicht der mit dreieinhalb Beinen, sondern ein kleiner Süßer, der angeblich Gift gefressen hat. Ines kennt die Symptomatik und damit das Gift von ihrer jahrelangen Tierschutzarbeit in Griechenland und hat unverzüglich alle Gegenmittel parat. Es steht schlecht um den kleinen Kerl und seine Besitzerin weint bitterlich. Wie wir erst später erfahren, hat sie unter ihren Herd Rattengift gelegt, aber nicht damit gerechnet, dass ihr Hund dies frisst. Nicht sonderlich schlau, finden wir.

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In diesem Moment hatte ich keine Zeit für ein „schönes“ Foto

Während auf dem Fußboden ein kleines Etwas zitternd und völlig apathisch mit seinem Leben kämpft, gehen oben an den Tischen die Operationen weiter. Immer wieder, wenn wir hinaus ins „Wartezimmer“ gehen, um den nächsten Hund zu sedieren, begleiten uns mindestens 10 Augenpaare, manchmal sogar über 30. Überwiegend Kinder.

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Nilson ist ein kleiner 7-jähriger Junge, dessen Gesichtsausdruck den puren Schalk verkörpert. Seine Arme und Beine sind übersät mit Pilz.

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18 Tiere sollen es heute werden und unsere Portugiesen schwitzen vor Hitze und Stress. Ich übrigens auch. Nur Ines bleibt locker, denn erstens läuft sie erst bei einer Betriebstemperatur über 30 Grad auf Volldampf und zweitens ist sie im ersten Leben ein OP-Raum gewesen.

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Gegen Nachmittag wird es dunkel. Da Zeit in unserem OP-Raum nach der Anzahl der Kastrationen berechnet wird, merken wir nicht, dass es nicht die hereinbrechende Nacht ist, sondern gigantische Wolken. Sie ziehen sich immer mehr zu, und kleine Regenschauer regen unsere afrikanischen Mitmenschen zu wahren Freudentänzen an.

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Uns fasziniert Regen eher weniger, haben wir im kühlen Norden Schleswig-Holsteins doch reichlich davon. Um die Freude allerdings zu verstehen muss man wissen, dass es auf den Kapverdischen Inseln so gut wie nie regnet. Drei Mal hintereinander muss pro Jahr Regen fallen, dann ist die Ernte gesichert.

Es gab bereits eine im wahrsten Sinne des Wortes „Durststrecke“ von vielen Jahren, bei der 1948 Tausende Menschen den Tod fanden. So versuchen wir zum einen die Freude nachzuvollziehen, aber gleichzeitig auch nach unserer getanen Arbeit ein Taxi zu bekommen. Immer wieder fielen am Nachmittag kleinere Tropfen...

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364 Tage im Jahr ist das Flussbett ausgetrocknet

...vom Himmel, was aber jetzt fällt sind ausgeschüttete Eimer Wasser. Das Taxi schleicht. Auch wenn es inzwischen die Hauptstraße erreicht hat – es ist weder mit einem Taxi in Deutschland zu vergleichen, noch ist die Hauptstraße eine Hauptstraße wie die meisten von Ihnen sich eine Hauptstraße vorstellen – ist überhöhte Vorsicht geboten. Die Wassermassen haben den schlammigen Boden in Lawinen verwandelt. Das Wasser- / Dreck-Gemisch wabbt so ca. 20cm über dem normalen Grund oder schießt wasserfallartig die Straße entlang. Da es ins Taxi hineinregnet, sind die Scheiben völlig beschlagen und weder ich noch unser Fahrer sehen etwas.

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Die Fahrt ist ein pures Abenteuer, zumal immer wieder Menschen tanzend oder sich durch den Matsch rettend, vor das Auto springen. Unten in der Stadt ist das völlig ausgetrocknete und mit Müll fast zu gefüllte Flussbett innerhalb weniger Minuten zu einem reißenden Fluss geworden. Beim Aussteigen lässt es sich nicht vermeiden, in diese wabbelnde Flüssigkeit zu treten und damit die eh unter Wasser stehenden Hotelzimmer vollends zu fluten.    

 

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