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Kapverden-Tagebuch - Für meinen ältesten Sohn Dante:

Mein Sohn, ich habe Dir viel von dem Land erzählt, in das ich drei lange Wochen fliegen werde. Ich habe Dir auch von der Armut erzählt. Ich habe Dir versucht zu erklären, dass es dort Kinder gibt, die nicht einmal satt sein können. Die nichts haben außer dem, was sie am Körper tragen.
Ich hatte das Gefühl, dass ein Fünfjähriger diese Geschichten nicht verstehen kann. Dass er nur seinen Papa vermisst und hofft, dass dieser von der langen Reise, wie immer, etwas Schönes mitbringt.
Wie gerührt war ich, als Du mit Deinen Spielsachen vor meinem Schreibtisch standest und mir sagtest, dass ich diese Sachen einem armen Kind schenken soll. Du kleiner Kerl hast weit mehr verstanden, als ich zu glauben gewagt hatte.
Es waren große Legosteine, ein Schlumpf, ein Teddy und ein Adler. Ich weiß, wie sehr Du an Deinen Tieren hängst und befand den Adler als das wertvollste Geschenk.
Wie immer, wollte ich Dir auch etwas mitbringen, etwas, was Du noch nicht hast, etwas ganz anderes, etwas Besonderes.

Trotz des gewaltigen medizinischen Übergepäcks, wo jedes Gramm zählt, mussten Deine Geschenke mit – um jeden Preis!
Es war gar nicht so leicht, die richtigen Augenblicke zu finden, um eine angebrachte Übergabe in Deinem Sinne hin zu bekommen. Um alle Kinder glücklich zu machen, hätte Dein Kinderzimmerboden (vergleichbar mit der Spielwarenabteilung von Karstadt) nicht ausgereicht. So musste ich auf geeignete Gelegenheiten warten.
Die erste fand sich in Nilson, der immer und ständig in unserem OP herumwuselte. Er bekam die Lego-Steine zum Spielen. Abends musste er sie immer wieder zurück lassen. Ich wollte nicht, dass sie wegkommen oder gestohlen werden. Eines Abends vermisste ich einige Steine und beschuldigte Nilson und seine Freunde, die Steine doch mitgenommen zu haben. Er aber beteuerte mir seine Unschuld und zeigte mir die Kiste im OP, wo er sie versteckt hatte.
An diesem Abend schenkte ich sie ihm alle, er durfte sie mit nach Hause nehmen.
Sein glückliches Lachen und ein von ihm gemaltes Bild, habe ich Dir, mein Sohn, mitgebracht.

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Die zweite Gelegenheit ergab sich bei einem Besuch im „Gesundheitszentrum“. Dies ist ein großes Gebäude, in dem zwei Ärzte Kinder und Erwachsene untersuchen. Cesaltina, die dort arbeitet, zeigte uns alles und stellte uns auch überall vor. Auch zeigte sie uns einen Raum, der so was Ähnliches war wie eine Kinderstation. Und da ich weiß, wie sehr Dich die Spielecken in solchen, eher ängstlich anmutenden, Arzträumen begeistern, erblickte ich auch hier ein Regal mit genau vier Spielsachen. Und da ich fand, dass das etwas wenig ist, habe ich Deinen Teddy dort gelassen. Er hat jetzt die Aufgabe, Kinder, die Angst vor dem Arzt haben, zu trösten und ich glaube, es wird ihm gelingen. Teddys können so etwas.

Den Schlumpf trug ich die drei Wochen lang in meiner Hosentasche mit mir herum. Immer in der Hoffnung, für ihn auch ein schönes, neues Zuhause zu finden. Aber bis zum Abflug am letzten Tag ergab sich nichts Passendes. Ein junges Mädchen, Gandi, war während unserer Zeit dafür verantwortlich, unsere OP-Sachen zu waschen. Sie ist bereits 18 Jahre alt und ihr Traum wäre ein Journalistenstudium in Deutschland. Ich bat sie, ein nettes Zuhause für den Schlumpf zu suchen, erkannte aber an ihrem Leuchten in den Augen, dass sie ihn als Erinnerung wahrscheinlich behalten wird.
Mein Sohn, ich denke, Du und der Schlumpf könnt damit leben. 

Die vierte Gelegenheit, den für Dich ganz wichtigen Adler zu verschenken, ergab sich am Flughafen von Maio.
Dort wartete ich mit Ines auf den kurz bevorstehenden Rückflug, als ich ein Mädchen erblicke, die einen großen Verband um ihren Arm trug. Zuerst dachte ich, sie hat sich den Arm gebrochen, aber im Laufe der Zeit sehe ich, dass der Verband um ihren Finger immer Blutdurchtränkter wird. Sie muss sich den Finger an- oder abgeschnitten haben. Sie weint. Auch scheint sie nicht von ihren Eltern begleitet werden zu können, denn der Flug nach Praia - nur hier befindet sich ein Krankenhaus - ist wahrscheinlich zu teuer. Das Flugpersonal kümmert sich rührend um sie, aber traurig ist sie dennoch. Außerdem ist da ja auch noch der Schmerz in ihrem Finger. Ich setze mich neben sie und zaubere, wie aus dem Nichts, Deinen Adler hervor. Hier kann er die besten Dienste leisten und ich weiß, Du hättest ihn auch diesem Mädchen gegeben.
Ein Lächeln durchfährt ihr Gesicht und das, mein Sohn, habe ich Dir auch mitgebracht.   

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So komme ich nicht mit leeren Händen nach Hause, sondern mit vier Geschichten und der Gewissheit, dass Du mit Deinen Geschenken arme Kinder glücklich machen durftest. Und ich weiß, Du verstehst das.

 

 

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