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Kapverden-Tagebuch Teil 15:

Terrafal, den 07. September 2005

Ein Taxi holt uns um 9:00 Uhr ab und fährt mit uns sechs Stunden zu den schönsten Plätzen von Santiago.

Da diese sechs Stunden Teil des Urlaubes sind, den wir eigentlich die letzte Woche machen wollten, werde ich darüber nichts schreiben. Nur soviel, die Insel hat weit mehr zu bieten, als die mit Dreck übersäte Hauptstadt Praia. Und da der Regen in den letzten Tagen reichlich war, erleben wir eine wundervolle grüne Insel.

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Nach der Tour bringt uns der Fahrer zum OP-Haus, damit wir kurz nach dem Rechten sehen können. Alles bestens, bis auf den Hund, den man gebracht hat. Beide Vorderbeine sind in Gelenksnähe gebrochen. Er schreit wie am Spieß. Eine Narkose muss her und beim Verbinden schauen Ines und ich uns mit wenig Hoffnung an.

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Kaum sind wir im Hotel angekommen, klingelt das Telefon und Frau Wirtl lässt fragen, ob wir morgen noch 20 Hündinnen vom Hafen kastrieren können?

 


Praia, den 08. September 2005

Nein, können wir nicht. Irgendwann einmal ist Schluss. Wir haben unser Equipment zum größten Teil verbraucht. Die Kisten aus dem Senegal kamen zwar in der letzten Woche an, aber da war nicht wirklich viel Brauchbares drin. Ohne unsere 100 kg wäre gar nichts gegangen! Und was ist, wenn nach der OP doch mal eine Naht aufgeht? Wer soll sich dann darum kümmern? Nein, wir sagen ab.
„Aber zu dem Hafenkommandanten begeleitet ihr mich doch am Nachmittag?“
So fahren wir nach dem Frühstück zum letzten Mal zum OP-Haus. Mit Cesaltina hatten wir uns nach der Visite verabredet, um dem Gesundheitszentrum einen Besuch abzustatten, in dem Cesaltina normalerweise arbeitet. Von ihrem Chef bekommt sie für die Hunde-Kastrationstage immer frei, wenn ausländische Tierärzte zu diesem Zweck angereist sind.  

Nun heißt es tapfer sein. Denn auch als Tierschützer bleibt einem das Elend der Menschen in keiner Weise verborgen. Außerdem sind wir hier her gekommen, um vielleicht eine Lösung zu finden, beide Themen zu verknüpfen. Spricht irgendetwas dagegen, auch Kindern zu helfen? So betreten wir die heiligen Hallen, die erbaut wurden, um der armen Bevölkerung eine medizinische Notversorgung zu bieten. 

Der Besuch in dem Gesundheitszentrum kostet 0,20 Euro. Erleichtert erblicken wir nirgendwo größeres Elend. Ein kleiner Junge wird am Arm versorgt. Er hat sich wohl geschnitten. Cesaltina führt uns herum. Jeder Arzt, dem Cesaltina uns vorstellt, unterbricht die Behandlung und unterhält sich mit uns. Sie alle scheinen begeistert von unserer Arbeit an den Hunden, obwohl ich mir vorstellen könnte, dass der eine oder andere denkt, „könnt ihr nicht auch was für uns tun?“.
Das Gesundheitszentrum ist sauber und aufgeräumt. Die medizinische Ausstattung ist aber spartanisch. Kein Vergleich mit den an einen Science-fiction-Film erinnernden hightech Ultrschall-, Röntgen- oder Lasercomputern einer europäischen Klinik, die schon beim „Guten Tag“ sagen die Blutgruppen bestimmen. Hier beschränkt man sich auf das Nötigste.

Wir dürfen Fragen stellen. Wie hoch ist die Aids-Rate? Was passiert mit Kindern, die nicht mehr gewollt werden? Ist es Pflicht, sich und das Kind impfen zu lassen? Gibt es viele Abtreibungen? Woran sterben die meisten Kinder? Was fehlt Ihnen am meisten?

Auf keine unserer Fragen bekommen wir eine froh stimmende Antwort. Und Ines wird immer nervöser. So platzt es als letzte Frage aus ihr heraus: „Cesaltina, meinst Du, ich könnte hier auch arbeiten? Morgens kastriere ich Hunde und mittags arbeite ich hier? Joses Finger ist doch auch gut verheilt…“
Cesaltina lacht. „Na klar, ich mach es doch auch so“.

Auf dem Heimweg begleiten uns schwere Gedanken. Da nützt es auch nichts, dass von überall wieder die Grüße zu Cesaltina herüberschallen. Sie antwortet mit ihrem verschmitzten Lachen, nur diesmal kennt sie wirklich jeden in dieser Region. Dann halten wir bei einer jüngeren Frau, die ungeniert den Rock bis zu ihrem Knie hebt, um Cesaltina ihre Beine zu zeigen. Kein schöner Anblick. Sie sind übersät mit roten Flecken. Ja, das Mittel hat sie auch einmal benutzt, es aber es dann nicht mehr gefunden...
„Die ist ja uneinsichtiger als die Patienten der Tiermedizin“, denkt jeder von uns, einschließlich Cesaltina.

Aus Pietätgründen machte ich keine Fotos im Gesundheitszentrum. Lediglich die Situation bis kurz vor die Tür möchte ich mit meinen Bildern dokumentieren, damit sich jeder seine eigenen Gedanken über ein funktionierendes Gesundheitssystem machen kann, bzw. über kein funktionierendes Gesundheitssystem...

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Wieder im OP-Haus warten wir mit Frau Wirtl auf den Sicherheitsbeamten des Hafens.
Er verspätet sich um eine Stunde. In perfektem Englisch erklärt er uns kurz die Situation und fährt uns zu seinem Chef. Die schwere Schranke, die das riesige Hafengelände vor Unbefugten schützt, hebt sich, verbunden mit einem kurzen Gruß ihres Bewachers, fast automatisch. Dann stehen wir vor der Bürotür des Hafenkommandanten und erwarten einen alten, mürrisch dreinblickenden Afrikaner.

Weit gefehlt, ein gut aussehender groß gewachsener Mann bittet uns Platz zu nehmen und erklärt uns, dass er es leid ist, dass ständig die Welpen auf seinem Gelände umgebracht werden. Er hat von der Aktion von bons amigos gehört und bittet uns, seine ca. 20 Hunde zu kastrieren. Das schlägt dem Fass den Boden aus. Wie oft saß ich in meinem Leben schon vor ähnlichen Menschen und musste betteln, überhaupt Gehör zu finden. Und dieser Afrikaner bittet uns. Wir sind sprachlos. „Wie viel Tiere schaffen wir mit dem restlichen Equipment noch“? flüstere ich zu Ines rüber, die aber abwinkt. Recht hat sie, zumal der Kommandant fort fährt und fragt, ob wir wieder kommen würden.

Und übrigens: er würde sich freuen, wenn in den anderen Häfen von zwei weiteren Inseln, das Problem auf gleiche Art gelöst werden könnte. Sein Einfluss wird ausreichen, um uns dort einen Raum zu verschaffen, um ungestört arbeiten zu können.

Was bleibt uns da anderes übrig? Frau Wirtl schaut uns Hilfe suchend an und dieser nette Afrikaner öffnet eine Tür, die in Europa mit einem Hammer nicht zu öffnen wäre.  
Wir sagen zu!
Der Sicherheitsbeamte fährt mit uns noch über das Hafengelände, damit ich mir einen Überblick verschaffen kann. Wenn wir wieder kommen, ist ein Blasrohr von Nöten, denn die Versteckmöglichkeiten zwischen den Containern sind endlos. Wir bitten um die Anfütterung der Tiere.

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Nun ist es bereits Abend und wir haben noch zu packen und eine wichtige Entscheidung zu treffen.

Es geht um Benji, den seine Besitzer, erstaunlicherweise, nicht mehr haben wollen, denn er wird nie wieder richtig laufen können. Und natürlich um Fado (übersetzt: Hoffnung), der mit seinen beiden gebrochenen Vorderbeinen keine Chance hat.

Wie oft stand ich schon vor dieser Entscheidung. Einschläfern oder alles versuchen, um den beiden Zwergen, sie sind vielleicht 6 Monate, ein Chance zu bieten. Von Kreta aus klappt dies inzwischen dank einer perfekten Organisation ungefähr 150 Mal im Jahr. Aber hier? Wird es gelingen, dem Amtsarzt von München (dort landen wir) klar zu machen, dass es sich bei den Kleinen um Notfälle handelt und wir deshalb auf aufwendige Titerbestimmungen nicht warten können? Wird es ihm reichen, wenn wir als Tierärzte anbieten, die Tiere in Quarantäne zu halten?

Es tut mir leid, aber wenn ich eine Entscheidung zwischen Leben und Bürokratie treffen muss, haben Gesetze keine Chance. So entscheiden wir dreistimmig, dass wir zu viert nach Hause fliegen. Die Ausreispapiere organisiert Frau Wirtl, alles andere wir. Ein befreundeter Knochenspezialist, Dr. Dlouhy aus Lauf a.d.Pegnitz sagt den Operationen sofort zu und für einen Transport von München nach Lauf steht ein Fahrer bereit.
Wieder zwei Probleme weniger.

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