» Berichte & Tagebücher
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Kapverden-Tagebuch Teil 13:
Sonntag, den 04. September 2005
Wenn heute nichts Gravierendes dazwischen kommt, sollte es gelingen 200 Tiere unfruchtbar gemacht zu haben.
Aber bevor wir dieses Ziel angehen, ziehen wir um. Das neue Domizil ist ein bisschen teuerer, aber um Längen besser.
Mit einer kleinen Verspätung erreichen wir das OP-Haus und was glauben Sie, was in unserem Wartezimmer los ist? Richtig, es ist brechend voll.
Ein alter Mann ist mit seinem Hund gekommen. In einer Plastiktüte hat er ihn hier her getragen, was dem Kleinen nicht einmal unlieb zu sein schien.

Ein Pekinese wartet gleichfalls. Er bzw. sein Auge machen aber nicht so einen glücklichen Eindruck. Es hängt nämlich raus. Ines wird es ausbauen – inklusive Kastration. Das findet der Besitzer zwar nicht so gut, aber da hat er Pech.

Noch jemand kommt uns besuchen und zwar ist es der Hund der mit dem Biss knapp unter dem Auge vor ein paar Tagen von uns operiert wurde. Er sieht gut aus, schauen Sie selbst.


Der Alltag macht sich breit in unserem stickigen OP-Raum und ich schleiche mich noch einmal davon. Noch ein paar Eindrücke möchte ich abspeichern und endlich einmal den Weg entlanglaufen, der meiner Meinung nach einen schönen Blick über Praia zulässt.


Ich gehe zurück zu dem Platz an welchem immer der Bus hält. Hier ist die Endstation, im wahrsten Sinne des Wortes. Eine Kirche hat geöffnet und ich darf aufs Dach. Von hier erblicke ich die Aufbauten der Dächer der Häuser, die meistens irgendwelches Viehzeug beherbergen. Ziegen, Schweine, Tauben, Hunde leben hier und ich versuche mir vorzustellen, wie und wo die Ausscheidungen vom Dach kommen...

Ein paar Gassen weiter wird auf einem riesigen Platz ein Fußballspiel ausgetragen. Ein wenig gelangweilt laufe ich meinen trägen Gedanken nach in Richtung OP-Raum. Dort hat meinen Platz ein anderer eingenommen. Es ist Nilson, der zwar noch total vertieft mit seinen neuen Lego-Steinen spielt, der aber kurze Zeit später die Handschuhe anhaben wird, um seiner Freundin zu assistieren. Man glaubt ja gar nicht, wie viel Geduld Ines haben kann, wenn sie verliebt ist...

Als wir uns spät in der Nacht auf den Heimweg machen, ist die Chance, den Bus zu bekommen, vor einiger Zeit zum letzten Mal hier heraufgekommen. An der Endstation tobt aber der Bär und aus großen Lautsprechern wird der Platz beschallt. Die Musik dürfte klar sein: Bob Marley, der ja bekanntermaßen bereits auf seinem grünen Gras schläft, gibt hier noch einmal alles. Sein " …dont give up the fight…" klingt in dieser Gegend aber ein bisschen unfair...
Wir bleiben also stehen, bzw. setzen uns an den Bordsteinrand um auf ein Taxi zu warten. Es wimmelt von unzähligen Kindern, die eigentlich schon längst im Bett liegen müssten. Hier aber bewegen sie sich rhythmisch zur Musik, dass man den Eindruck bekommen kann, die Zwerge sind Berufstänzer. Ich möchte das Ganze in einem schönen Foto festhalten und begehe einen großen Fehler. Der Blitz meiner Kamera zieht unweigerlich hunderte Kinderaugen auf mich und schon stürmen sie los, um sich das Foto anzusehen.

Jetzt können sie ihre zurückhaltende Neugier nicht mehr verbergen und schleichen sich auch an Ines heran. Ihr Haar ist wieder Mittelpunkt und jede der Zwergendamen darf es anfassen. Jedes weitere Foto ist gefüllt mit mehr und mehr Kindern und anschließend reißen sie mir fast den Fotoapparat aus der Hand, um im Display das gerade gemachte Foto zu sehen und sich selbst wieder zu erkennen.
Nach einigen Bildern stecke ich die Kamera weg und werde damit uninteressant. Ines aber bleibt der Star. Ein bisschen komisch ist mir schon, als ich Ines in einem Knäuel von Kindern untergehen sehe, aber ihr Lachen bei jedem Auftauchen verheißt „alles bestens“!

Nun stehe ich hier und warte auf ein Taxi. Mitten in einem vor Müll und Abfall triefenden Slumgebiet, in welchem wir als Tierärzte sehr geachtet wurden. Es ist uns nichts gestohlen worden, noch sind wir bedrängt worden. Die Menschen sind super arm und meine Gedanken lassen mich genauso ärmlich, klein und mickrig werden. Da steh ich nun, der Onkel Doktor und kann keinem der Kinder auch nur einen Hauch Zukunft versprechen. Sie tanzen unbeschwert. Noch. Irgendwann wird sie aber die Hoffnungslosigkeit erreichen.
Ihr Tanz scheint meine Sinne zu betäuben. Ich sehe einen jungen Mann, der einst vor keinem Problem halt machte. Der die Welt verändern wollte - verbessern wollte. Auf Kreta hat er es in sechs Jahren in Bezug auf den Tierschutz auch ganz gut hingekriegt. Aber hier?
Wie viele „meiner“ Leute bräuchte ich hier? Und nicht die theoretischen Laberbacken, sondern die, die anfassen können. Wie viel Geld bräuchte ich? Wie viele Lehrer, wie viele Mediziner sind hier von Nöten? Ein komplett neues Abfallsystem und und und. Gute Leute bräuchte ich, verdammt gute. Und von denen gibt es nicht wirklich viele!
Ich bin froh, dass es dunkel ist, denn in diesem Moment könnte ich keinem der Kinder in die Augen schauen und sagen: „ich kann nicht mehr, ich bin erschöpft. Auch ich habe zwei Söhne, die mich brauchen, sorry, ich kann euch nicht helfen. Ich werde am Freitag nach Hause fliegen und euch hoffentlich schnell vergessen.
Falls es aber doch irgendwann mal irgendjemanden gibt, der den guten Tierschutzstart in diesem Land ausnutzt, um Schritt für Schritt auch die Lebensbedingungen für die Menschen in diesen Slums zu verbessern, dann werde ich, so gut ich kann, mithelfen – versprochen. Und das hellhäutige Wesen inmitten der dunklen Kinderschar bestimmt auch.
Ein vorbei humpelnder Junge reißt mich aus meinen emotionalen Träumen. Wo sind die Humanmediziner, die diesem Jungen helfen könnten? Hat niemand Lust zu helfen oder wissen die vielleicht gar nicht, dass es außerhalb der privaten Krankenversicherung auch Krüppel gibt? Ärzte ohne Grenzen? Man könnte, wenn man nur wollte. Oder will keiner in diesem Dreck arbeiten? Dann lasst uns diesen Dreck doch gemeinsam wegräumen.
Das Taxi holt mich endgültig aus meinen Träumen zurück. Ich bin ihm dankbar. Schweigend fahren wir zum Hotel. Ich weiß, dass Ines die gleichen Gedanken durch den Kopf gehen.



